Germany Listening – Vor­le­sung mit Ummu Salma Bava

“New India, Old Europe? Shifting Global Roles in the 2020s”

 

New India, Old Europe? Shifting Global Roles in the 2020s”. Mit einer Vorlesung von Ummu Salma Bava startete die Vorlesungsreihe Germany Listening am 5. Februar in das neue Jahr. Ummu Salma Bava, Professorin und Inhaberin des Jean Monnet Lehrstuhls am Center for European Studies der Jawaharlal Nehru University in New Delhi, ist eine der führenden indischen Expertinnen für die EU sowie für die indische und die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik. Sie ist zudem Mitglied des Forschungsbeirats der Stiftung Wissenschaft und Politik und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Als Einstieg in ihren Vortrag wählte Umma Bava einen Rückblick auf das Jahr 1648: Mit dem Westfälischen Frieden, so erläuterte sie, sei die Idee des souveränen Nationalstaates geboren worden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich Europa von dieser Vorstellung abgewandt, zu einem Zeitpunkt als Indien, wie viele Nationen in der postkolonialen Ära, diese Idee gerade erst zu schätzen gelernt habe. Diese unterschiedlichen Ansätze zur Rolle des Staates prägten bis heute politisches Handeln und Interaktion in Indien und Europa.

Der Anfang der 1990er Jahre markiere einen wichtigen Wendepunkt für Indien, zum Teil, aber nicht nur, aufgrund des Endes des Kalten Krieges. Indien sei zu dieser Zeit ein Pionier der Bewegung der Blockfreien Staaten (Non-Aligned-Movement) gewesen. Seine ideologische Nähe zum Westen manifestierte sich zum Beispiel in einer starken demokratischen Verfassung, sei dann aber begleitet worden von einer wachsenden Entfremdung von Washington. Das Ende der UDSSR habe Indien als den Verlust eines starken Verbündeten erlebt. Gleichzeitig fand sich Indien 1991 in einer ernsthaften Zahlungskrise wieder.

Die anschließende massive Liberalisierung der indischen Wirtschaft habe den Grundstein für den Status als “emerging market” gelegt. In der Folge sei die wirtschaftliche Dimension von Indiens Aufstieg auch von einem politischen Machtzuwachs begleitet gewesen: Der „emerging market“ wurde so zur „emerging power“, einer aufstrebenden Macht. Dieser Prozess habe seinen vorläufigen Höhepunkt in Indiens erstem Atomtest 1998 gefunden, einer Demonstration der Tatsache, dass Indien endgültig nicht mehr nur ein Objekt des politischen Handelns anderer Staaten gewesen sei.

Europa habe Ende des 20. Jahrhunderts zwar einen ganz anderen politischen Kurs verfolgt, erlebte aber zur selben Zeit ebenfalls einen Machtzuwachs. Anstatt einen Freund zu verlieren, habe Westeuropa neue Freunde hinzugewonnen mit dem ostwärts wachsenden freien und vereinten Europa und mit der Verwandlung der Europäischen Gemeinschaft in die Europäische Union. Auch hier sei ein neuer politischer Akteur entstanden, den Ummu Salma Bava als „strange political animal which nobody knows how to define” bezeichnet – als „eigenartiges politisches Wesen, das keiner zu definieren wüsste“.

Im 21. Jahrhundert seien engere Formen der Zusammenarbeit zwischen der EU und Indien entstanden, angefangen mit der „Strategischen Partnerschaft“ im Jahr 2004. Diese baue nicht nur auf wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern auch auf gemeinsame Werte. Dennoch, sagt Umma Salma Bava, gebe es keine echte Bindung ohne die Konvergenz konkreter Interessen. Für Europa sei es zum Beispiel schwer, mit den militärischen Interessen Indiens zu sympathisieren, die auf den Konflikten der Region basierten.

Die heutige Weltordnung, so Umma Salma Bava, sei geprägt von einem hohen Grad an Unvorhersehbarkeit. Zu den größten Herausforderungen hierbei gehörten die nichtstaatlichen Akteure. Zusätzlich habe China als Akteur dramatisch an Bedeutung gewonnen, während die USA einen massiven Wandel in politischer Führung, Ausrichtung und Prioritäten erlebten.

Insgesamt seien wir mit einer „internationalen Ordnung mit zu vielen Fragezeichen“ konfrontiert, in der selbst das Konzept einer „Ordnung“ grundsätzlich zur Disposition stehe. Dies sei nicht nur das Ergebnis der bereits erwähnten destabilisierenden Faktoren, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass die globale Ordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, verschiedenartige Interessenlagen nur schwer integrieren könne. Zum Beispiel reflektierte diese nicht die Machtverschiebungen, die durch den Aufstieg von Indien oder der anderen BRICS-Staaten entstanden.

Hinsichtlich der Zukunft der Beziehungen zwischen Indien und Europa in diesem unsicheren Umfeld, mache es die Dinge nicht einfacher, dass aus indischer Sicht Außenpolitik zum größten Teil eine nationale Angelegenheit der EU-Mitgliedsstaaten bleibe. Obwohl Brüssel gelegentlich mit einer Stimme spreche, wie mit der Indien Strategie von 2018, bevorzuge Neu Delhi das direkte Gespräch mit Berlin, Paris oder den anderen großen Mitgliedsstaaten.

 

Germany Listening ist eine gemeinsame Veranstaltung der Alfred Herrhausen Gesellschaft und des Masterstudienganges Internationale Beziehungen der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Potsdam. Mehr zu Germany Listening lesen Sie hier.

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